Archiv der Kategorie 'Feminismus'

LVA-Verzeichnis SoSe13

Mit dem Klick aufs Bild gelangt ihr zu unseren LVA-Empfehlungen für das Sommersemester 2013. Mit dabei sind unter anderem Seminare zu feministischer Freiraumplanung, zur politischen Ökologie der Ernährung, zu Gender und Globalisierung und einige mehr. Einen Blick reinwerfen lohnt sich! Die Anmeldefristen für die Lehrveranstaltungen an der Uni Wien laufen zum Teil nur noch wenige Tage: Also auf auf, macht euch einen Kaffee, rückt den Aschenbecher zurecht (falls ihr Raucher_in seid) und klemmt euch hinter die Semesterplanung (falls ihr gerade nichts besseres zu tun habt ;)

Feminismus ist, was du draus machst

KSV-LiLi Artikel, erschienen Jänner 2012 in der Broschüre: „Zur Kritik…Eine Initiative gegen die Verflachung der Intellektuellen und Ideologischen Grundlagen“

Längst ist Feminismus kein linkes Randthema mehr, sondern tief in die bürgerliche Gesellschaft vorgedrungen und in den Institutionen verankert. Die Zeiten, in denen Frauen*1 nicht ohne die Erlaubnis des Mannes* einen Pass beantragen oder arbeiten durften, sind auf einer formellen Ebene passé. Auch die Idealvorstellung der Familie hat sich mit der Zeit gewandelt: Wurde es früher als erstrebenswert erachtet, wenn der Mann* die Rolle des Familienernährers übernimmt und die Frau* Zuhause bleiben „kann“, ist es heute „normal“ wenn auch die Frau* arbeiten geht.


Von der Institutionalisierung feministischer Forderungen…

Der bürgerliche Feminismus2 sieht sich damit bereits in der Zielgeraden zur Durchsetzung der faktischen Gleichstellung der Geschlechter: Noch ein paar mehr Frauen* in Machtpositionen; die Einkommensschere schließen und die Männer* sollen doch auch mal ein paar Monate auf die Kinder aufpassen. Die Probleme von Frauen* werden vorwiegend auf ihr Durchsetzungsvermögen am segregierten Arbeitsmarkt reduziert: Quotenregelungen um die gläserne Decke zu durchbrechen oder „Frauen in die Technik“ – Kampagnen um der geschlechtsspezifischen Berufswahl entgegen zu wirken. Diese Sichtweise verkennt jedoch die patriarchalen Strukturen, die tief in der Gesellschaft verankert sind: Obwohl es heute selbstverständlich ist, dass Frauen* arbeiten gehen, werden reproduktive Tätigkeiten weiterhin zum Großteil von Frauen* erledigt. Von bürgerlichen Feminist_innen wird diese Doppelbelastung von Frauen* als individuelles Problem identifiziert, die Verantwortung an die Betroffenen abgeschoben: Frauen* müssen sich selbst um die Vereinbarkeit von Karriere und/oder Familie kümmern. Zunehmend wird auch das Bild der „modernen“ Frau* propagiert, welche Kind und Kegel, Fulltime Job und körperliche Fitness kombiniert.3 Werden hiermit gesellschaftliche Fragen in das angeblich unpolitische Private verlagert und somit einseitig auf die Frau* abgeschoben und Geschlechterhierarchien gestärkt, rühmt sich der Staat für das institutionell verankerte Konzept des „Gender Mainstreaming“: 4 . Dieses muss aber radikal kritisiert werden. Ähnlich wie beim „Diversity Management“ wurde einer progressiven Theorie ihre Sprengkraft genommen. Feministische Ziele und Inhalte werden verwässert und in den kapitalistischen Verwertungsalltag einverleibt. Die Geschlechterdichotomie und damit verbundene Stereotype werden nicht hinterfragt, die oft schlechtere ökonomische Lage von Frauen* nur am Rande miteinbezogen. Quotenregelungungen und die auch in linken Kontexten anzutreffende Vergabe von repräsentativen Posten an Frauen* sind als alleiniges Mittel also unzureichend.

…zum antifeministischen Backlash

Gleichzeitig ist ein antifeministischer Backlash zu beobachten, der auch erkämpfte feministische Errungenschaften wieder rückgängig machen will. Von rechtskonservativer bis rechter Warte aus wird zunehmend die Rückkehr zu einer vermeintlich natürlichen Weiblichkeit gefordert. Die „Vermännlichung der Frauen“ führe unter anderem zu einem Rückgang der Geburtenrate. Vielmehr sollte sich die Rolle der Frau* auf Familie, Kindererziehung, und Ehepflichten „rückbesinnen“. „Feminismus ist ein Irrweg“, behauptete FPÖ-Präsident_innenschaftskandidatin Barbara Rosenkranz: „Es wäre dringend notwendig, ein zeitgemäßes Frauenbild zu entwickeln, das nicht im Gegensatz zur Mütterlichkeit steht.“5 Diese und andere Forderungen aus der Rechten, wie etwa nach Aufwertung reproduktiver Arbeit – „Müttergeld“ – oder der Befreiung der Frau vom Kopftuch – „wir schützen freie Frauen“ – sind im reaktionären und rassistischen Kontext zu begreifen und als pseudo-feministische Argumente zu entlarven. Geben sie sich durch Themen oder Formulierungen teilweise einen feministischen Anstrich, dienen sie zu meist doch nur dazu, Migrant_innen zu diskreditieren und die Geschlechterhierarchien der „eigenen“ Gesellschaft zu ignorieren oder zu leugnen. Auch die geforderte Aufwertung der Familie als „Hort des Widerstandes“ gegen die harte Realität des Alltags, ist harsch zu kritisieren. Werden in der bürgerlichen Kleinfamilie doch die festgeschriebenen Rollen von Mann* und Frau* als Grundmanifest der Gesellschaft vermittelt. Sie soll für den Mann* als Ruhepol, als Rückzugsort von der öffentlichen Sphäre wirken. Für die Frau* ist die Familie jedoch ein Ort der Normierung, Repression und Gewalt, in welcher eine zwanghafte Anpassung an heteronormative Strukturen geschieht.


Geschlecht und Kapitalismus – „A love story“

Wir verstehen die Kategorie „Geschlecht“ als soziales Konstrukt und die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund dieser Kategorie als historisch gewachsen. Um diese Ungleichbehandlungen zu legitimieren haben sich im Lauf der Geschichte unterschiedliche Erklärungsmuster durchgesetzt: War es zunächst ein Gott, respektive seine irdischen Instanzen, welche eine Geschlechterhierarchie rechtfertigten, setze sich mit der Aufklärung zunehmend eine biologistische Betrachtung durch.

Bei diesen Entwicklungen müssen auch die tiefgreifenden Veränderungen in der ökonomischen Struktur mitbedacht werden. Die Zeit der Aufklärung ist auch jene der zunehmenden Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise, die eine Veränderung patriarchaler Strukturen bringt. Die Trennung in eine „öffentliche“ und „private“ Sphäre bildet sich so erst mit dem Kapitalismus heraus. Frauen* ist fortan die (minderwertige) private Sphäre – also Reproduktion, Hausarbeit und Fürsorge – eingeschrieben, Männern* hingegen die öffentliche – dazu zählen Lohnarbeit und die Ausübung öffentlicher Positionen. Der Frau* werden nun aufgrund ihrer „natürlichen“ körperlichen Verfasstheit (vermeintlich) gesellschaftlich minderwertige Tätigkeiten zugeschrieben. Im Rahmen dieser Zuteilung werden auch Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und Rationalität Männern*, sowie Emotionalität und Sensibilität Frauen* zugeordnet. Schon davor bestehende patriarchale Strukturen haben sich so zwar verändert, Geschlecht bleibt in kapitalistischen Gesellschaften aber weiterhin eines der wichtigsten Differenzierungskategorien.

Erst durch die Frauen*bewegungen konnten Frauen* sich die Anerkennung als bürgerliche Subjekte und damit auch den Weg in die öffentliche Sphäre erkämpfen. Die formelle Gleichstellung der Geschlechter war und ist ein wichtiger Schritt für die Frauen*bewegungen, und konnte auch traditionelle Rollenbilder aufweichen. Hier zeigt sich auch die Dynamik der Geschlechterverhältnisse: Gab es früher die Idealvorstellung des Mannes* als strengem Familienoberhaupt, ist heute auch der sensible Mann*, der schon mal auf die Kinder aufpasst, gesellschaftlich akzeptiert. Patriarchale Strukturen sind aber nach wie vor als konstitutives Element der Gesellschaft zu verstehen und auch mit den Anforderungen der kapitalistischen Produktionsweise verwoben. Durchsetzungskraft, zeitliche Verfügbarkeit, (Männer*-)Netzwerke sind oft erforderlich um sich in der Konkurrenz am Arbeitsmarkt durchzusetzen. Dies drückt sich auch oft in männlich*-konnotiertem Diskussionsverhalten aus, in dem es nur um Sieg oder Niederlage geht – davon sind auch linke, sich als antisexistisch verstehende Gruppen nicht ausgenommen.

Obwohl der gegenwärtig institutionalisierte Feminismus gegen rechte, antifeministische Forderungen verteidigt werden muss, muss er genauso als unzureichend begriffen werden. Das Festhalten an der Geschlechterdichotomie, also der Annahme, dass es eine natürliche, unabänderliche und überzeitliche geschlechtliche Basis gibt, erzeugt Ausschlüsse und bietet Nährboden für fortwährende Ungleichbehandlung. Die Dekonstruktion von Geschlecht kann aber auch nicht von den aktuellen materiellen Lebensverhältnissen von Frauen* und Männern* losgelöst betrachtet werden. Ein Beispiel ist die vorhin schon erwähnte Doppelbelastung von Frauen*: Der Weg in die öffentliche Sphäre und das „Recht“ auf Lohnarbeit ist eine Errungenschaft der Frauen*bewegungen. Jedoch war das Ideal der „Hausfrau“ für viele (Arbeiter_innen-)Familien sowieso nie eine Realität – um das Familieneinkommen zu sichern musste auch die Frau* arbeiten gehen. Die formelle Gleichstellung der Geschlechter wurde erreicht und das Idealbild der Familie hat sich geändert, reproduktive Tätigkeiten sind aber weiterhin „Frauensache“. Wenn die finanzielle Möglichkeit besteht, werden Reinigungs- oder Pflegetätigkeiten an meist migrantische Frauen* in prekären Beschäftigungsverhältnissen ausgelagert. Diese Problematik ist so also keine „individuelle“ Angelegenheit, aber auch nicht allein mit patriarchalen Strukturen erklärbar – sie ist auch als Klassenfrage zu verstehen. Die Wechselwirkungen zwischen sexistischen und kapitalistischen Strukturen müssen also mitbedacht werden.

Fragend voranschreiten

Verschwindet mit der Überwindung des Kapitalismus das Patriachat? Können wir allein über Reformen innerhalb des Kapitalismus Geschlechterhierachien gänzlich beseitigen? Wir behaupten: weder noch. Bejahen wir die erste Frage, so liegt die Annahme zugrunde, dass die gesellschaftliche Struktur allein durch die Produktionsverhältnisse bedingt wird. Die kapitalistische Produktionsweise wird demnach als Hauptwiderspruch betrachtet, alle anderen Herrschaftsmechanismen wie Sexismus, Rassismus, etc. können davon abgeleitet werden. Es wird dabei allerdings vergessen, dass diese Verhältnisse Eigendynamiken besitzen und in Wechselwirkung zueinander stehen. Der Frage nach den Reformen innerhalb des Kapitalismus ist in der Forderung nach realen Verbesserungen bzw. bei den Bemühungen um die Reduzierung der Geschlechterhierarchien zu folgen. Allerdings dürfen wir dabei keineswegs stehen bleiben. Patriarchale Strukturen sind ein Fundament „unserer“ heutigen Gesellschaft, aber auch elementare Bestandteile unserer Gedanken, Handlungen und unserer Identität. Um die Geschlechterhierarchie ebenso wie Geschlecht als gesellschaftliche Kategorie zu beseitigen, müssen sowohl gesellschaftliche Strukturen, wie die Unterteilung in eine „öffentliche“ und „private“ Sphäre als auch die eigenen Handlungsweisen und Denkmuster radikal reflektiert und verändert werden.

Der Artikel ist in der Broschüre „Zur Kritik…Eine Initiative gegen die Verflachung der Intellektuellen und Ideologischen Grundlagen“ erschienen und kann unter: d-day(at)riseup(dot)net bestellt werden!

1 *Die Schreibweise „Frauen*“ schließt alle Menschen, abseits von biologischen und sozialen Kategorien ein, die sich selbst als Frauen verstehen, also auch Transfrauen. Das gilt andersrum auch für Männer*. Die Verwendung des * ist somit ein Versuch, Geschlecht als bestimmende Kategorie aufzubrechen und geschlechtliche Vielfalt aufzuzeigen. Allerdings hat auch die gesellschaftliche Wahrnehmung eines Geschlechts reale Wirkmächtigkeit.

2 In: wurzelwerk.at: Feministische Richtungen Online unter: http://www.wurzelwerk.at/thema/weibercraft32.php

3 Werbevideo der ÖVP Frauen Tirol: „Tiroler ÖVP Frauen“ auf youtube http://www.youtube.com/watch?v=nSHrLPHu … re=related

4 „Gender Mainstreaming betrifft die politischen Konzepte im Allgemeinen und zielt darauf ab, dass bei der Planung politischer Strategien die Besonderheiten, Interessen und Wertvorstellungen beider Geschlechter berücksichtigt werden.“ In: Interministerielle Arbeitsgruppe für Gender Mainstreaming/Budgeting: GM – Was ist das? Online unter: http://www.imag-gendermainstreaming.at, abgerufen am: 9.12.2011

5 Barbara Rosenkranz: Der Feminismus ist ein Irrweg. In: Die Presse, 2.3.2010 Online unter: http://diepresse.com/home/politik/hofbu … ein-Irrweg, abgerufen am: 9.12.2011